In der Pflegewissenschaft gibt es mehrere Pflegekonzepte, die eine Basis für die pflegerische Tätigkeit darstellen. Zu den wichtigsten Pflegekonzepten zählt die sog. aktivierende Pflege. Es handelt sich dabei um einen gesetzlich verankerten Pflegegrundsatz zur Betreuung von Pflegebedürftigen. Aktivierende Pflege wird auch als Hilfe zur Selbsthilfe bezeichnet. Die aktivierende Pflege ist eine integrierende und zugleich fähigkeitsfördernde Pflegeform. Diese Form der Pflege ermöglicht Pflegebedürftigen, Alltagskompetenzenund Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten.

Im Gegensatz zur aktivierenden Pflege steht die sog. kompensatorische Pflege. Mit diesem Thema befassen wir uns in diesem Artikel. Was ist die kompensatorische Pflege? Welche Vor-und Nachteile hat diese Pflegeform? In unserem Beitrag finden Sie Antworten auf diese Fragen.

Kompensation in der Pflege

In der Pflegewissenschaft versteht man unter dem Begriff Kompensation vollständige Übernahme von Leistungen und Verrichtungen, die der Pflegebedürftige nicht mehr selbst leisten kann. Die kompensatorische Pflege, die auch als ausgleichende Pflege bezeichnet wird, steht im Gegensatz zur aktivierenden Pflege, die auf der Förderung des Patienten bei der Nutzung seiner noch vorhandenen Fähigkeiten beruht.

Es ist zu betonen, dass kompensatorische Pflege auf Defizite des Pflegebedürftigen ausgerichtet ist. Diese Pflegeform ist notwendig, wenn:

  • der Patient eine bestimmte Handlung ohne Hilfe nicht durchführen kann;
  • die Unterlassung einen Schaden verursachen kann.

Wie alles, hat auch kompensatorische Pflege Vor- und Nachteile. Sie ermöglicht oft, bessere Ergebnisse zu erreichen. Ferner ist diese Pflegeform zeitsparend. Kompensatorische Pflege führt leider dazu, dass die gefühlte Hilflosigkeit des Pflegebedürftigen im Laufe der Zeit stärker wird und seine Abhängigkeit von der Pflege im Alltag steigt

Pflegesysteme im Modell von Dorothea Orem

Dorothe Orem, eine US-amerikanische Krankenschwester und Pflegetheoretikerin, hat die Theorie der Selbstpflege entwickelt. Nach Orem basiert die Selbstpflege auf allen Handlungen, die uns für sich selbst zu  sorgen ermöglichen. Wenn die Selbstpflegefähigkeit einer Personen geringer als ihr individueller Pflegebedarf ist, wird ein Selbstpflegedefizit entsteht. Der Betroffene benötigt eine Hilfe von einer Pflegeperson. So entsteht ein Pflegsystem. Es handelt sich dabei um eine Einheit, die zwischen dem Patienten und der Pflegkraft existiert. Das Pflegesystem ergibt sich aufgrund einer Pflegesituation, in der es zu unterschiedlichen Interkationen sowie Pflegehandlungen kommt. Orem unterscheiden drei Arten von Pflegesystemen: vollständig kompensatorische, teilweise kompensatorische und unterstützend-erzieherische Pflegesysteme.

Vollständig kompensatorische Pflege

In vollständig kompensatorischen Pflegsystemen kann der Pflegebedürftige die Selbstpflege nicht durchführen. Dadurch muss die Pflege von der Pflegeperson komplett übernommen werden. Die Pflegekraft kompensiert also die  vollständige Unfähigkeit des Patienten. In einem vollständig kompensatorischen System werden z.B. Patienten  mit eingeschränktem Urteilsvermögen sowie Koma- und Schlaganfallpatienten gepflegt. In solchen Systemen handeln Pflegekräfte für die Patienten, ferner geben sie ihnen psychologische und physische Unterstützung und zugleich errichten sie ein Umfeld, das die individuelle Entwicklung fördern kann.

Teilweise kompensatorische Pflege

In einem teilweise kompensatorischen System  werden Selbstpflegehandlungen nicht nur von der Pflegekraft, sondern auch vom Patienten durchgeführt. Damit diese Zusammenarbeit richtig abläuft, sollte die Pflegeperson die individuelle Situation ihres Patienten gut einschätzen. Dabei sollten der situative Pflegebedarf und die Selbstpflegekompetenz des Betroffenen in Betracht gezogen werden. Diese Pflegeform ist bei Patienten sinnvoll, die aus verschiedenen Gründen  in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt sind. Solche Patienten sind in der Lage viele Selbstpflegehandlungen ohne Hilfe durchzuführen. Allerdings benötigen sie Unterstützung bei weit verstandenen medizinischen Maßnahmen z.B. Insulininjektionen.

Unterstützend-erzieherische Pflege

In diesem System benötigt der Patient Anleitung und Unterstützung für die Durchführung einer bestimmten Maßnahme. In der Praxis bedeutet das, dass die Pflegeperson dem Pflegebedürftigen das Lernen ermöglichen muss. In diesem Pflegesystem benötigt der Patient Hilfe nur in folgenden Bereichen: das Verlangen von Kompetenzen, die Verhaltenskontrolle, die Entscheidungsfindung.

Wie erwähnt, hat kompensatorische Pflege sowohl Vor- als auch Nachteile. Empfehlenswert ist aktivierende Pflege, die die Selbstständigkeit des Pflegebedürftigen unterstützt. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass eigentlich jede Pflegeintervention Anteile sowohl kompensatorischer als auch aktivierender Pflege beinhaltet. In jeder Pflegesituation gilt aber der Grundsatz: möglichst viel Aktivierung, möglichst wenig Kompensation.

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